Ulli Stein

Cartoonist aus Hannover

Erfahrungen & Bewertungen zu WirtschaftsHaus Unternehmensgruppe

„Ich mache das, wozu ich Lust habe“


 
Hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere geglaubt, dass Sie einmal der bedeutendste und erfolgreichste deutsche Cartoonist werden könnten?

Niemals. Wenn Sie heute meine ersten Schwarzweiß-Cartoons anschauen würden – kein Mensch käme darauf, dass ich mit den Zeichnungen etwas zu tun habe. Ich habe das so gut gemacht, wie ich es damals konnte, aber es war zu Beginn halt noch nicht sehr ausgereift. Angefangen hatte ich vor allem mit Autocartoons, die ich herumgeschickt habe. Und irgendwann wurde dann auch der erste Cartoon abgedruckt, ich bekam 20 Mark und dachte: Hurra – es funktioniert! Jetzt kommt der Durchbruch! Aber es dauerte dann noch sehr lange und war mit viel Arbeit verbunden.

Wie haben Sie Ihre Zeichenkunst denn verbessert – haben Sie einfach munter gegen Ihre Unfähigkeit angezeichnet oder stattdessen Unterricht genommen?

Ich hab’ einfach weiter gezeichnet, und sozusagen ‘Learning by doing‘ praktiziert. Damals sind mir selbst meine Bilder natürlich gar nicht sooo schlecht vorgekommen. Hätte ich es besser gekonnt zu dem Zeitpunkt? Nein. Hab’ ich es so gut gemacht wie ich konnte? Ja. Hab ich zwei Jahre später gedacht: Das war nicht so toll? Ja. Man lernt eben nur, indem man macht und tut und macht und tut. Aber es wird auch nur besser, indem man weitermacht und jeden Tag etwas dazulernt. Zumindest hatte ich mit den dann immer häufiger stattfindenden Abdrucken auch kleine Erfolgserlebnisse – wenn man immer nur macht und tut und es wird nie gedruckt, ist das schließlich auch nicht so lustig. Die Ausführung mag damals noch nicht der Knaller gewesen sein, aber ich habe viele schöne Ideen zu Papier gebracht. Jahre später hab ich dann hin und wieder eine der frühen Cartoon-Ideen, die mir besonders gut gefielen, aufgegriffen und sie noch einmal neu gezeichnet.

Hatten sie einen Plan B, um ihr Brot zu verdienen? Falls das mit dem Zeichnen nicht geklappt hätte?

Nein, ich war eigentlich immer guter Dinge, dass das mit dem Fotografieren, Schreiben und Zeichnen irgendwie funktionieren würde. Neben dem Zeichnen habe ich vor allem geschrieben – Nonsens- und Satiretexte, heute nennt man das neudeutsch Comedy. Neben Abdrucken in Zeitschriften, unter anderem in der legendären ‘Pardon‘, hatte ich mich bei Rundfunkanstalten beworben und erhielt dann eine positive Antwort des Saarländischen Rundfunks, bei dem ich nach ein paar Testmonaten eine eigene einstündige Nachtsendung bekam, für die ich sieben oder acht Jahre lang textete. Produziert wurde das Ganze in Saarbrücken. Das Schreiben des Saarländischen Rundfunks („...wir sind von Ihrem Script sehr angetan“) habe ich bis heute aufbewahrt. Es ist allerdings schon etwas vergilbt, datiert vom 10.6.1969. Getippt habe ich damals alles auf einer alten klappernden mechanischen Schreibmaschine. Die aber leider nicht mehr existiert.

Was bedeutet Ihnen finanzielle Unabhängigkeit?

Es ist schön, wenn man nicht mehr für Geld arbeiten muss. Aber ich muss mir deshalb zum Beispiel nicht ständig ein neues Auto kaufen: Mein Bentley ist mehr als 20 Jahre alt, mein Mercedes auch. Und sie fahren noch ganz prima. Dafür haben Sie eine gut sortierte Foto-Ausrüstung. Für Ihr aktuelles Projekt haben Sie Hunde fotografiert. Und auch auf Ihrem täglich befüllten Blog ulistein.de sind immer neue Tier- und Landschaftsfotos zu sehen.

War Fotografie schon immer ein Teil ihres Lebens?

Eigentlich gab es in meiner Arbeitswelt immer diese drei Bereiche: Schreiben, Zeichnen und Fotografieren. Die Gewichtung änderte sich natürlich im Laufe der Jahre immer mal wieder. Mal habe ich das eine, mal das andere vertieft. Der größte Teil meiner Bücher besteht ja auch aus Texten, Fotografieren und Zeichnungen, es gibt nur relativ wenige reine Cartoonbücher. Und in den letzten zwei, drei Jahren schlägt das Pendel gerade ein bisschen mehr in Richtung Fotografie aus. Ich beginne Dinge, weil ich Lust darauf habe, nicht mit dem Hintergedanken: Jetzt mache ich irgendein Projekt daraus! Der Fotoband ‘Hunde‘ mit Hundeportraits der letzten zwei Jahre ist jetzt fertig, aber ich fotografiere trotzdem natürlich auch weiter Hunde, einfach aus Freude am Bilder machen.

Wirklich berühmt haben Sie dagegen die Cartoons gemacht, allen voran Mäuse, Hunde und Pinguine, dazu knollennasige Menschen. Können Sie ihr Glück eigentlich fassen, dass sie mit Ihrer Kunst berühmt und finanziell unabhängig geworden sind?

Davon können die allermeisten anderen zeichnenden Kollegen nur träumen. Ich war schon immer sehr fleißig. Ich erinnere mich an eine junge Zeichnerin, die mir was zugeschickt und wirklich tolle Sachen gemacht hatte. Es waren 20 Motive, die von ihr im letzten Jahr entstanden waren und sie wollte einen Tipp, wie sie am ehesten einen passenden Lizenznehmer fände. 

 

Das Material war wirklich gut und ich habe ihr geraten: „Zeichnen Sie im kommenden Jahr einfach jeden Tag einen Cartoon! Dann haben Sie am Ende des Jahres ein ansehnliches Portfolio, mit dem Sie sich bei einer Lizenzagentur bewerben können. Und Sie brauchen eine Webseite, damit Ihr Publikum Sie kennenlernen kann...“ Ich hab dann nie wieder etwas von ihr gehört oder mal irgendwo gesehen – schade eigentlich! Aber Erfolg hat halt auch viel mit Fleiß und Arbeitsdisziplin zutun.

Sie sagen selbst zu Ihrer Arbeitsweise, dass Sie sich jeden Tag neu an den Schreibtisch setzen und reichlich unspektakulär Ihre Werke erarbeiten. Und dass Sie ganz bestimmt nicht an der Supermarktkasse plötzlich eine Eingebung hätten. Gute Ideen hat man doch aber nicht, wenn man sie haben „soll“?

Man kann das sehr wohl trainieren. Tagsüber gilt das natürlich nicht. Da habe ich tausend andere Sachen im Kopf. Aber abends, von 19 Uhr bis Mitternacht, da werden Musik und alles andere abgestellt und dann hole ich meinen karierten Block raus, auf dem ich Gedanken sammle, scribbel und Skizzen mache. Die Reinzeichnungen mache ich dann am nächsten Tag auf Zeichenpapier. Die werden dann eingescannt und zusammen mit meiner wunderbaren Assistentin, die unter anderem auch für die Kolorierung zuständig ist, am Rechner weiterbearbeitet. Das ist auch besser so: Ich bin nämlich farbenblind.

Wie bitte?

Ja, kam früher immer schon mal vor, dass mir ein Gebüsch braun und nicht grün geraten ist. Ich habe mich dann immer damit getröstet, die Leute dächten vermutlich: Oh, wie spannend, eine erstaunliche Farbwahl. Das hat der Künstler bestimmt so gewollt. Aber irgendwann wollte ich es dann mal korrekt haben. Apropos korrekt. Nehmen wir einmal Ihre berühmte Maus. Jeder kennt sie.

Wie schaffen Sie es eigentlich, dass sie immer etwa gleich aussieht?

Ich zeichne ja mit Bleistift vor, da kann ich beliebig mit dem Radiergummi korrigieren, was ich inzwischen natürlich nicht mehr oft tun muss. Ich habe mir mal einen Original-Comic von Walt Disney gekauft, da habe ich gestaunt: Vorgezeichnet wurde mit hellblau und einfach stehen- gelassen, weil das beim Einscannen unsichtbar wird. Erst später zeichnete jemand die endgültige schwarze Linie darüber. Was da an hellblauen Versuchen zu sehen ist, bis mal eine Linie sitzt! Unglaublich! Ich kenne auch Zeichner, die direkt auf ihrem Grafiktablett arbeiten, wo man dann sehr einfach korrigieren kann, aber das ist nicht so mein Ding: Ich möchte mein Zeichenpapier!

Sie haben mittlerweile 12 Millionen Bücher und 60 Millionen Postkarten weltweit verkauft. Ihre Bücher wurden in unzählige Sprachen übersetzt. Macht Sie das stolz?

Das sind halt nur Zahlen. Mehr freut mich, wenn mal jemand kommt und sagt: „Hey, das Buch ist toll geworden!“ Man kriegt ja relativ wenig Feedback und wenn, dann eher Beschwerden: „Wieso sind die Frauen in ihren Cartoons immer so dick? Haben Sie was gegen Dicke?“ Oder: „Die Bratwurst auf dem Cartoon sieht ja aus wie ein Penis! Sie sollten sich schämen, Herr Stein!“ Es kommt natürlich auch hin und wieder Post von Fans, die sich bedanken und nette Dinge schreiben. Aber allen recht machen kann man es sowieso nicht.

Als Sie 1984 das erste Buch herausbrachten, hätten Sie da einen solchen Erfolg erwartet? Oder hat jemand vom Lappan-Verlag Ihnen gesagt: Das wird einschlagen wie eine Bombe?

Nein. Wo das mal hinführen würde hat keiner von uns geahnt, als wir 1984 anfingen. Vielleicht ist einer der Gründe für unseren gemeinsamen Erfolg, dass mir der Lappan-Verlag zu jeder Zeit alle künstlerischen Freiheiten gelassen und nie versucht hat, mich zu irgendetwas zu drängen oder mir eine Buchidee auszureden. Die haben nicht ein einziges Mal zu mir gesagt: ‚Mensch, könntest Du nicht noch einmal ein Buch machen, das so ähnlich ist wie dieser Bestseller? Das mit den Mäusen läuft so gut. Das wäre doch was!‘ Als ich dagegen vor 20 Jahren inmitten der Wohlfühl-Phase, als schwarzer Humor noch etwas ganz Heikles war, unheimlich gern ein böses Buch machen wollte, war alles was ich auf meinen Vorschlag hörte: ‚Ja, dann mach mal!‘

Obwohl sie so erfolgreich sind, konnten Sie lange Zeit weitgehend unerkannt selbst in Postkartenabteilungen stöbern und beobachten, wie Menschen sich über Ihre Cartoons amüsieren. Ist stiller Ruhm eigentlich die perfekte Form des Erfolgs?

Leider gibt es ja diese Postkartenständer nicht mehr, weil die Leute nicht mehr so viele Karten schreiben. Das hat früher tatsächlich immer mal wieder Spaß gemacht, den Menschen unerkannt über die Schulter zu schauen und sie beim Kichern über die Cartoons zu beobachten. Prinzipiell hat es ein Zeichner oder Schriftsteller natürlich besser als ein Schauspieler, dessen Gesicht ja direkt verknüpft ist mit seiner künstlerischen Arbeit. Was für eine schlimme Vorstellung: Sport- oder Filmstar zu sein und überall, an der Aldi-Kasse oder sonst wo, erkannt zu werden. Ich drücke mich sehr erfolgreich vor Dingen, die sowas befördern könnten und lehne auch seit vielen Jahren alle Fernsehanfragen ab. Bei den seltenen Interviews bemühe ich mich dann schon, nett zu sein. Ich muss meinen Namen aber nun auch wirklich nicht ständig in der Zeitung lesen.

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