Land der lauten Lämmer

Die Lüneburger Heide ist ein Ort der Ruhe und der traumhaften Natur. Wenn allerdings Futterzeit bei den Heidschnucken ist, ändert sich das radikal.

Erfahrungen & Bewertungen zu WirtschaftsHaus Unternehmensgruppe

Dieser Ort könnte kaum idyllischer sein: Die Kronsbergheide, gleich hinter dem Ortsausgang der Heide-Kleinstadt Amelinghausen in Richtung Lüneburg. Ein weites Feld, auf dem die Heide-pflanzen im Frühjahr noch etwas grau und unscheinbar wachsen, das aber schon die farbige Pracht des Sommers erahnen lässt. Links der Wald, dessen Baumwipfel das Licht der spätnachmittaglichen Sonne in viele kleine Scheinwerfer zu zerteilen scheinen. Überall der satte, frühlingshafte Geruch von frisch gefälltem Holz und erwachender Natur. Und dann auch noch diese Stille. Traumhaft. Doch plötzlich setzt ein Lärm ein, der unweigerlich an ein Fußballstadion denken lässt. Da wird gegrölt, gejohlt, gebölkt. Die romantische Stimmung kippt, es wird jetzt reichlich ungemütlich. Wo kommt denn dieses unglaubliche Geschrei her? Da taucht ein paar Hundert Meter weiter mitten im Feld ein Bauernhof auf, und vor dem Hof die Lärm-Verursacher: Eine Herde Heidschnucken. Und Schäfer Thomas Rebre, der sie gerade füttert. Na sowas.

Idylle, Ruhe, und doch jede Menge Leben: Genau das macht die Heide aus. Zwischen Hamburg, Bremen und Hannover erstreckt sich eine Gegend, die als Musterbeispiel für einen Naturpark gelten kann, und dennoch als Kulturland vom Menschen erst zu dem gemacht wurde, was es heute ist. Und das heute für Dinge steht, nach denen sich die meisten Menschen in ihrem stres-sigen und von Technik geprägten Alltag sehnen: Weite, Stille, Ursprünglichkeit.

Der Amelinghausener Schäfer steht exemplarisch für diese Werte. Thomas Rebre zieht mit seinen knapp 300 Heidschnucken das ganze Jahr über die Heideflächen der Lüneburger Heide, zehn bis zwölf Kilometer pro Tag. Nur für kurze Zeit bleibt er mit ihnen im Winterquartier am Amelinghausener Ortsrand. Seine Schnucken und die fünf weiteren in der Heide verteilten Herden sind Garanten für das Gleichgewicht der Natur: Durch ihren ständigen Verbiss von aufkommenden Gehölzen, Gräsern wie der Drahtschmiele und dem Heidekraut sind die Tiere so etwas wie unbezahlte Landschaftspfleger. Die Heide bleibt dank ihrer Arbeit kurz und der nährstoffarme Boden erhalten. Und wenn die Heidschnucken im Spätsommer zur Heideblüte durch die Flächen ziehen, zerreißen sie mit ihren Beinen die Spinnweben im Heidekraut. So können die Bienen ungestört ihren Nektar für den leckeren Heidehonig suchen. Die Bienen wiederum bestäuben das Heidekraut und sorgen so für den Fortbestand der Nahrung für die Schnucken. Schöner kann ein Kreislauf kaum sein.

Durch die Heidschnuckenbeweidung wird eine savannenähnliche Struktur erreicht, die in der heutigen, meist intensiv genutzten Landschaft in Mitteleuropa extrem selten geworden ist. Deshalb kommen in der Heide noch gesicherte Bestände vieler Tier- und Pflanzenarten vor, die ansonsten kaum noch Lebensräume in unserem Land finden. Zu ihnen zählen Birkhühner, Raubwürger, Heidelerchen, Braun- und Schwarzkehlchen, Neuntöter oder Ziegenmelker. Kein Wunder, dass die Naturpädagogik für Schulklassen und Jugendgruppen Hochkonjunktur hat im Heideland.

Überhaupt: Naturschutz wird seit 100 Jahren groß geschrieben in der Lüneburger Heide. Der junge Pastor Wilhelm Bode verhinderte damals, dass das heutige Naturschutzgebiet um den Ort Wilsede als Bauland verkauft wurde. Nach langem Suchen fand er einen Sponsor, der ihm die damals beträchtliche Summe von 6.000 Mark zur Verfügung stellte. Der Kauf der Heideflächen bildete die Keimzelle für den Naturschutzpark. Doch bald schon drohte neuer Ärger: Auch die Heideflächen um den Wilseder Berg sollten bebaut werden. Pastor Bode und sein Mitstreiter Landrat Ecker aus Winsen wurden erneut kreativ: Es gelang ihnen, eine Lotterie zur Rettung der Heideflächen ins Leben zu rufen. Und die öffentliche Aufmerksamkeit führte dazu, dass bekannte Schriftsteller wie Hermann Hesse und Bertha von Suttner die Kampagne unterstützten.

Im Jahr 1910 konnten schließlich auch die Flächen um den Wilseder Berg vom „Verein Naturschutzpark“ gekauft werden. Heute umfasst der Naturpark Lüneburger Heide ein Gebiet, das mit einer Fläche von 1.130 Quadratkilometern größer ist als die deutsche Bundes-hauptstadt Berlin. Der eigentliche Kern, das Naturschutzgebiet bei Wilsede, ist mit 234 Quadratkilometern allerdings wesentlich kleiner.

Üppiger Reichtum ist allerdings absolut nicht das Heide- Thema. Im Gegenteil: Weicher, karger Sandboden herrscht in weiten Teilen der Region vor. Genau diese Armut des Bodens begünstigt das Wachstum von Kräutern und Bäumen, die besonders beständig sind. Diese Entwicklung verselbständigte sich: Als die Salinen, ins-besondere diejenige in der namensgebenden Metropole Lüneburg, immer mehr Holz brauchten, um ihre Siedeöfen zu befeuern, wurde der arme Boden zusätzlich durch den flächendeckenden Kahlschlag begünstigt.

Das alles ist lange her. Doch die Historie ist quicklebendig, und gerade die jungen Heidebewohner sind sehr verbunden mit ihrer hübschen Heimat. Wer sich für das Ehrenamt der Heide-Königin, das es in mehreren Gemeinden gibt, bewerben will, muss am Besten schon kurz nach der Geburt eine Bewerbungsmappe einreichen. Die Konkurrenz ist nämlich groß (siehe auch das Gespräch mit der Heidekönigin).

Ein bisschen ist also auch jenseits der schönen Felder etwas dran an der heilen Heide-Welt. Der lokale Zusammenhalt funktioniert, es wird gern gefeiert, die dörflichen Gemeinschaften leben zusammen im Rhythmus der Jahreszeiten. Es gibt zudem in Landwirtschaft, Handel, Tourismus und Verwaltung viele Arbeitsplätze. Klar: Die Region ist industriell eher unterentwickelt, wer also bestimmte Jobs sucht, muss möglicherweise pendeln. Die Distanzen nach Hamburg, Bremen oder Hannover sind aber äußerst überschaubar. Und für das Studium locken nicht nur die Universitätsstadt Lüneburg mit spannenden Studiengängen und ihrem gerade entstehenden Design-Hauptgebäude, sondern auch die schöne Residenzstadt Celle, und viele weitere Uni-Städte.

Die Heide – das sind also nicht nur wunderschöne Heideflächen, weitläufige Wälder, verwunschene Moore, uralter Baumbestand zwischen alten Fachwerkhäusern, große Bauernhöfe, die heute vor allem auf Pferdewirtschaft umgesattelt haben und ursprüngliche Flussläufe, die förmlich zum Wasserwandern einladen. Die Heide ist vor allem ein Ort, an dem es sich gut leben lässt. Und wer mit Schäfer Rebre und seinen Heidschnucken einen Tag die Heide abgrasen will, sollte sich das unbedingt vom Tourismusbüro in Amelinghausen arrangieren lassen. Mit der Ruhe, das ist sicher, ist es dann allerdings so eine Sache.

 

 

 

Kontaktformular

Verwendung von Cookies

Unsere Website verwendet Cookies. Das sind kleine Textdateien, die es möglich machen, auf dem Endgerät des Nutzers spezifische, auf den Nutzer bezogene Informationen zu speichern, während er die Website nutzt.